Yasemin Kamisli Yasemin Kamisli

Sounds führen zu streams

TikTok, Twitch, Spotify - Deutschrap lebt längst digital. Doch mit der digitalen Bühne wächst auch die Kritik. Zwischen gestreamten Studio-Sessions, viralen Snippets und undurchsichtigen Playlist-Platzierungen stellen sich viele zurecht die Frage, wer im Streaming-Zeitalter überhaupt noch eine echte Chance hat.

TikTok, Twitch, Spotify - Deutschrap lebt längst digital. Doch mit der digitalen Bühne wächst auch die Kritik. Zwischen gestreamten Studio-Sessions, viralen Snippets und undurchsichtigen Playlist-Platzierungen stellen sich viele zurecht die Frage, wer im Streaming-Zeitalter überhaupt noch eine echte Chance hat.

Tiktok: Aus “Leaks” wird marketing

Was früher eine Single-Ankündigung war, ist heute oft ein kurzer Clip ohne Cover. Der Effekt bleibt jedoch nicht aus. Im vergangenen Jahr kursierte beispielsweise Tage lang ein Ausschnitt von Reezy mit seinem Track “Trappers Lullaby” - Fans kommentierten massenweise: Wann droppt das endlich? So wird der Algorithmus angeführt, immer mehr User nutzen die Sounds und der Song verbreitet sich vor Release.

Ein prominentes Beispiel war außerdem der “Freestyle 2021” von Mero. Über Jahre ist er wohl stuck in den Köpfen der Hörer geblieben, bei fast jedem Live auf Insta oder TikTok wurde der Künstler danach gefragt. In einem Twitch-Stream mit DanielSlump und MARLO, der bei Mero gesigned ist, spielte der 25-Jährige den Freestyle. Daraufhin eskalierten die Fans und erhöhten den Druck, den Song endlich zu veröffentlichen. Letztlich erschien der Track auf seinem jüngsten Album Renaissance, fast vier Jahre später nach der Aufnahme im Studio.

Die spontanen “Leaks” sind oft gezielte Promo. Ob das Team selbst hochlädt oder der Freund eines Freundes: wichtig ist, dass es nach Zufall aussehen soll. Studien zeigen, wie gut das funktioniert. Laut TikToks “Music Impact Report” entdecken rund 75 Prozent der Nutzer neue Artists über die Plattform. Auch Spotify beobachtet TikTok-Trends gezielt. Was dort funktioniert, landet häufig in Playlists oder auf der Startseite, wie das Unternehmen mitteilt.

Twitch: eno und dardan schreiben geschichte

Ein anderer Weg, Musik direkt in die Öffentlichkeit zu bringen, läuft über Twitch. Danielslump gehört zu den Ersten, die in Deutschland Studio-Sessions live gestreamet haben. Legendär: Die Entstehung von “Wer macht Para 3” mit Eno und Dardan - produziert und aufgenommen im Livestream. Dardan hatte vor seinem Durchbruch den ersten Teil “Wer macht Para” mit Eno vor fast zehn Jahren auf einen Skepta-Beat veröffentlicht. Das ging damals durch die Decke und hat mittlerweile über 36 Millionen Klicks auf YouTube. Daniel hatte schon fast alle im Stream, ob Newcomer oder Oldies: Mero, Marlo, Dardan, Pajel, Eno, Amo, Lune, Jazeek, Olexesh, Mo Duzi - die Liste ist lang.

Also: Twitch ist inzwischen fester Teil der Promostrategie vieler Rapper. Es liefert Nähe, Echtzeit-Feedback und jede Menge Content, der dann auch auf TikTok und Co. hochgeladen wird.

Spotify-Playlists: Sichtbarkeit, aber kein Durchblick

Wer es auf Playlists wie „Modus Mio“ oder „Deutschrap Brandneu“ schafft, bekommt automatisch Reichweite. Spotify sagt, die Auswahl sei redaktionell. Kriterien seien Streamingzahlen, Engagement, Social-Media-Buzz und Pitching über die Plattform „Spotify for Artists“. Viel mehr gibt Spotify nicht preis, auch nicht auf Anfrage dieser Redaktion.

Doch viele Rapper stellen diese Prozesse infrage. Fler, Farid Bang oder Kollegah äußerten öffentlich schon mehrfach Zweifel an der Unabhängigkeit der Auswahl. Immer wieder fällt der Vorwurf, Playlists seien ein geschlossenes System.

Ich weiß nicht, was bei euch (Spotify) da intern für eine Politik abgeht.
— Farid Bang

Dass manche Acts regelmäßig vertreten sind, andere trotz starker Zahlen außen vor bleiben, verstärkt das Misstrauen. So wurde schon oft gesagt, Rap und die entsprechenden Platzierungen seien mittlerweile viel zu kommerziell geworden. Die Vorwürfe ließ Spotify unbeantwortet.

Es wird seitens Spotify hauptsächlich gleichklingender, seelenloser Poprap gepusht.
— Kollegah

Die Musik: so vielseitig wie selten


Künstlerisch entwickelt sich Deutschrap weiter. Drill (ein Beispiel: Luciano), Trap (Ufo361), R’n’B (Kane), House (u.a. Reezy) und Einflüsse aus anderen Ländern prägen den Sound. Sosa La M ist hier ein perfektes Beispiel: In seinen Songs vermischt er Trap, Drill, Afrobeats sowie französische und US-amerikanische Einflüsse. Auch mehr Rapperinnen schaffen es in den Fokus, doch sie bleiben in vielen Playlists unterrepräsentiert.

Selbstverständlich wächst auch der Musikmarkt in Deutschland – vor allem dank Streaming. Laut Bundesverband Musikindustrie lag der Umsatz 2023 bei rund 2,21 Milliarden Euro, das entspricht einem Wachstum von über sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Audio-Streaming macht dabei mit Abstand den größten Anteil aus, rund 75 Prozent des Gesamtmarkts. Physische Formate wie Vinyl (ca. 140 Mio Euro) und CDs (etwa 11 bis 12 Prozent Marktanteil) bleiben stabil, während Downloads kaum noch eine Rolle spielen. Deutschland bleibt damit der viertgrößte Musikmarkt der Welt. Laut einer aktuellen Studie von Oxford Economics fließen inzwischen rund 43 Prozent der Gesamteinnahmen direkt an Künstler – mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

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