Yasemin Kamisli Yasemin Kamisli

thailand vs. Nrw

Was ging diese Woche bitte alles ab? Halb Deutschrap (und ganz Social Media) war und ist in Thailand, der Rest beim Kampf von Agit Kabayel in Oberhausen. Jazeek und reezy haben uns mit einer Hörprobe gepranked, PA spricht über die Lage im Iran. Und in Berlin gibt es bald einen Deutschrap Späti.

Was ging diese Woche bitte alles ab? Halb Deutschrap (und ganz Social Media) war und ist in Thailand, der Rest beim Kampf von Agit Kabayel in Oberhausen. Jazeek und reezy haben uns mit einer Hörprobe gepranked, Apache hat spontan seine Setlist geändert, PA spricht über die Lage im Iran und in Berlin eröffnet bald einen Deutschrap Späti.

Wir haben gecheckt: Ihr chillt alle am Strand

Während sich Dardan, Hava, Erda, Badmomz, Jazeek, Samra, Marlo sowie Mero und sein Team – safe habe ich jemanden vergessen – aktuell in Thailand erholen, spielte sich in Oberhausen das nächste Highlight ab.

Beim Kampf von Agit Kabayel war gefühlt ganz Rap-Deutschland am Start. Neben Pashanim und Summer war auch Xavier Naidoo dabei, der gerade durch ganz Deutschland tourt. Kabayel machte kurzen Prozess mit Damian Knyba und steuert nun klar auf einen WM-Kampf zu.

Nach dem Sieg nutzte Kabayel den Moment für eine klare politische Botschaft: „Her bijî Kurdistan. Das, was gerade in Rojava passiert, akzeptieren wir nicht.“ Unzählige Menschen wurden von Milizien der syrischen Interimsregierung auf brutalste Weise ermordet, Krankenhäuser bombardiert, über 500 kurdische Jugendliche verschleppt.

Ein Prank, der zu weit ging

Nachdem der „Bend Over“-Remix komplett durch die Decke ging, dachten sich Reezy und Jazeek wohl: Zeit für den nächsten, noch krasseren Move.

Auf TikTok teilten die beiden eine Hörprobe, weshalb viele davon ausgingen, dass „MIAMI“ ganz klassisch am Donnerstag um 23:59 Uhr droppt. War aber nicht so und genau das treibt viele Fans gerade in den Wahnsinn. Meine For You besteht nur noch aus Videos zu dem Track, die ersten Creator haben schon einen Tanz dazu veröffentlicht. Und das, obwohl der Song offiziell noch gar nicht erschienen ist.

Dass der Release auf sich warten lässt, liegt vermutlich nicht nur daran, die Spannung künstlich hochzuhalten. Reezy steckt mitten in den Vorbereitungen für seine große Arena-Tour, die am 20. Januar in Frankfurt startet. Ich selbst bin zwei Tage später in Köln am Start und werde natürlich berichten.

Übrigens: Ich halte euch hier jede Woche von Donnerstag bis Donnerstag auf dem Laufenden, was in der Szene wichtig war.


  • KC hat sein Album “Daddy is back” gedropped. In einem Twitch Stream kamen viele seiner Kollegen zusammen, darunter Eno, Arwin und auch Yavuz, der zuletzt länger wegen eines Tumors ausfiel.

  • Die Künstlerin ERDA war bei Aria Nejati (Apple Music) im Interview zu Gast. Da hat sie unter anderem erzählt, dass eventuell bald ein Song mit Dardan kommen könnte. Checkt das Video unbedingt auf YouTube ab.

  • In Berlin entsteht gerade ein Deutschrap Späti. Verantwortlich ist unter anderem Allan Anders (All Different), der in der Vergangenheit mit unzähligen Künstlern zusammengearbeitet hat. Neben dem klassischen Verkauf wird es im Untergeschoss ein Studio geben. Eigentlich sollte er schon eröffnet haben, der Termin verschiebt sich wohl.

  • Kane hat sein Soloalbum FARBEN angekündigt. Am 13. Februar ist es so weit. Die Szene dürfte gespannt auf dieses Werk schauen. Der Berliner gehört zu den interessantesten Newcomern überhaupt (und wusstet ihr, dass er einfach halb Kurde ist?)

  • Bushido hat seine (letzte) Tour gestartet: “Bald ziehe ich mich zurück und beende die bis dato größte Karriere, die Deutschrap jemals gesehen hat”, schrieb er schon vor einem Jahr auf Instagram.

  • Apropos Tour: Apache hat nach Angaben mehrerer Fans wohl seine Setlist geändert - er spielt den Song “Bei Nacht” (ft. Luciano) nicht mehr. Vermutlich wegen der Vorwürfe gegen Luciano, bestätigt ist das natürlich nicht offiziell. Bei den ersten Städten hat er den Track noch performt.

  • Massiv hat für die zweite Staffel von seinem Podcast “Massiv On Air” News verkündet: Gerade wird wohl ein extra Studio ready gemacht, schrieb er am Donnerstag (15. Januar) auf Instagram. “Diesmal legen wir großen Wert auf Sound und Bild Qualität, bald geht es los.”


PA Sports: “Menschenrechte sind nicht verhandelbar”

“Mein Vater hatte immer den Traum, eines Tages in sein Heimatland zurückzukehren”, sagt PA in seinem neusten Video auf Instagram. Dieser Traum konnte ihm nie erfüllt werden. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Die Chancen für einen Zusammenbruch des Regimes sind heute höher als zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 50 Jahren. Aber die Menschen, die gerade im Iran gegen das Regime aufbegehren, riskieren auch ihr Leben.

Tausende Demonstranten wurden ermordet. Die Diktatur hält sich seit 1979 – obwohl es immer wieder heftige Proteste gibt.

“Ich bin zutiefst enttäuscht von all den aktivistisch motivierten Menschen, die ich kennenlernen durfte, von denen sich bis jetzt niemand zum Iran geäußert hat”, schreibt er in seiner Story am Montag (12. Januar). Er findet klare Worte: “Menschenrechte sind nicht verhandelbar”.

Schon seit längerer Zeit nutzt PA seine Reichweite, um über verschiedene Lebensrealitäten, Krieg und Unterdrückung zu sprechen. Sein Song “Haltet die Welt an” (ft. Kauta) thematisiert genau das - das Video zeigt unter anderem eine Szene mit seinem eigenen Sohn, die beiden sind sicher in ihrem Zuhause in Deutschland. Währenddessen rappt er über Kinder, die in anderen Ländern - aktuell unter anderem in Palästina - beim Spielen erschossen werden. Der Track hat bei vielen absolute Gänsehaut ausgelöst. Helen Fares schrieb auf Instagram: “Jedes Mal kommen mir die Tränen Parham, ich danke dir.”

Am kommenden Freitag dropped der Ruhrpotter 48 Bars - “Ich bin deutscher Hip Hop” - wir schauen gespannt darauf, mehr dazu lest ihr dann nächste Woche.

All love,

eure Yasemin

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Sounds führen zu streams

TikTok, Twitch, Spotify - Deutschrap lebt längst digital. Doch mit der digitalen Bühne wächst auch die Kritik. Zwischen gestreamten Studio-Sessions, viralen Snippets und undurchsichtigen Playlist-Platzierungen stellen sich viele zurecht die Frage, wer im Streaming-Zeitalter überhaupt noch eine echte Chance hat.

TikTok, Twitch, Spotify - Deutschrap lebt längst digital. Doch mit der digitalen Bühne wächst auch die Kritik. Zwischen gestreamten Studio-Sessions, viralen Snippets und undurchsichtigen Playlist-Platzierungen stellen sich viele zurecht die Frage, wer im Streaming-Zeitalter überhaupt noch eine echte Chance hat.

Tiktok: Aus “Leaks” wird marketing

Was früher eine Single-Ankündigung war, ist heute oft ein kurzer Clip ohne Cover. Der Effekt bleibt jedoch nicht aus. Im vergangenen Jahr kursierte beispielsweise Tage lang ein Ausschnitt von Reezy mit seinem Track “Trappers Lullaby” - Fans kommentierten massenweise: Wann droppt das endlich? So wird der Algorithmus angeführt, immer mehr User nutzen die Sounds und der Song verbreitet sich vor Release.

Ein prominentes Beispiel war außerdem der “Freestyle 2021” von Mero. Über Jahre ist er wohl stuck in den Köpfen der Hörer geblieben, bei fast jedem Live auf Insta oder TikTok wurde der Künstler danach gefragt. In einem Twitch-Stream mit DanielSlump und MARLO, der bei Mero gesigned ist, spielte der 25-Jährige den Freestyle. Daraufhin eskalierten die Fans und erhöhten den Druck, den Song endlich zu veröffentlichen. Letztlich erschien der Track auf seinem jüngsten Album Renaissance, fast vier Jahre später nach der Aufnahme im Studio.

Die spontanen “Leaks” sind oft gezielte Promo. Ob das Team selbst hochlädt oder der Freund eines Freundes: wichtig ist, dass es nach Zufall aussehen soll. Studien zeigen, wie gut das funktioniert. Laut TikToks “Music Impact Report” entdecken rund 75 Prozent der Nutzer neue Artists über die Plattform. Auch Spotify beobachtet TikTok-Trends gezielt. Was dort funktioniert, landet häufig in Playlists oder auf der Startseite, wie das Unternehmen mitteilt.

Twitch: eno und dardan schreiben geschichte

Ein anderer Weg, Musik direkt in die Öffentlichkeit zu bringen, läuft über Twitch. Danielslump gehört zu den Ersten, die in Deutschland Studio-Sessions live gestreamet haben. Legendär: Die Entstehung von “Wer macht Para 3” mit Eno und Dardan - produziert und aufgenommen im Livestream. Dardan hatte vor seinem Durchbruch den ersten Teil “Wer macht Para” mit Eno vor fast zehn Jahren auf einen Skepta-Beat veröffentlicht. Das ging damals durch die Decke und hat mittlerweile über 36 Millionen Klicks auf YouTube. Daniel hatte schon fast alle im Stream, ob Newcomer oder Oldies: Mero, Marlo, Dardan, Pajel, Eno, Amo, Lune, Jazeek, Olexesh, Mo Duzi - die Liste ist lang.

Also: Twitch ist inzwischen fester Teil der Promostrategie vieler Rapper. Es liefert Nähe, Echtzeit-Feedback und jede Menge Content, der dann auch auf TikTok und Co. hochgeladen wird.

Spotify-Playlists: Sichtbarkeit, aber kein Durchblick

Wer es auf Playlists wie „Modus Mio“ oder „Deutschrap Brandneu“ schafft, bekommt automatisch Reichweite. Spotify sagt, die Auswahl sei redaktionell. Kriterien seien Streamingzahlen, Engagement, Social-Media-Buzz und Pitching über die Plattform „Spotify for Artists“. Viel mehr gibt Spotify nicht preis, auch nicht auf Anfrage dieser Redaktion.

Doch viele Rapper stellen diese Prozesse infrage. Fler, Farid Bang oder Kollegah äußerten öffentlich schon mehrfach Zweifel an der Unabhängigkeit der Auswahl. Immer wieder fällt der Vorwurf, Playlists seien ein geschlossenes System.

Ich weiß nicht, was bei euch (Spotify) da intern für eine Politik abgeht.
— Farid Bang

Dass manche Acts regelmäßig vertreten sind, andere trotz starker Zahlen außen vor bleiben, verstärkt das Misstrauen. So wurde schon oft gesagt, Rap und die entsprechenden Platzierungen seien mittlerweile viel zu kommerziell geworden. Die Vorwürfe ließ Spotify unbeantwortet.

Es wird seitens Spotify hauptsächlich gleichklingender, seelenloser Poprap gepusht.
— Kollegah

Die Musik: so vielseitig wie selten


Künstlerisch entwickelt sich Deutschrap weiter. Drill (ein Beispiel: Luciano), Trap (Ufo361), R’n’B (Kane), House (u.a. Reezy) und Einflüsse aus anderen Ländern prägen den Sound. Sosa La M ist hier ein perfektes Beispiel: In seinen Songs vermischt er Trap, Drill, Afrobeats sowie französische und US-amerikanische Einflüsse. Auch mehr Rapperinnen schaffen es in den Fokus, doch sie bleiben in vielen Playlists unterrepräsentiert.

Selbstverständlich wächst auch der Musikmarkt in Deutschland – vor allem dank Streaming. Laut Bundesverband Musikindustrie lag der Umsatz 2023 bei rund 2,21 Milliarden Euro, das entspricht einem Wachstum von über sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Audio-Streaming macht dabei mit Abstand den größten Anteil aus, rund 75 Prozent des Gesamtmarkts. Physische Formate wie Vinyl (ca. 140 Mio Euro) und CDs (etwa 11 bis 12 Prozent Marktanteil) bleiben stabil, während Downloads kaum noch eine Rolle spielen. Deutschland bleibt damit der viertgrößte Musikmarkt der Welt. Laut einer aktuellen Studie von Oxford Economics fließen inzwischen rund 43 Prozent der Gesamteinnahmen direkt an Künstler – mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

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